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John McGuffin
(1942 – 2002)

From others
who knew:

part 2

John McGuffin
Slán, comrade Sean

Für Sean McGuffin, gestorben in Derry, Sonntag, 28. April 2002

Tübingen steht noch, Sean. Mitte der 1970er Jahre hattest du geschworen, solltest du je Verteidigungsminister der sozialistischen irischen Republik werden, deren Luftwaffe gegen die dortigen studentischen peace wankers einzusetzen, die dich zwingen wollten, auf dem Höhepunkt der Guerillakampagne der IRA gegen die pox Britannica den Frieden zu predigen. Dabei ging es doch darum, dass die Murrays, zwei irische Anarchisten, nicht am Galgen enden. Auf der Rundreise durch deutsche Lande zwecks der Veranstaltungen gegen die Todesstrafe in Irland sind wir Freunde geworden. Als Ulrike Meinhof in ihrer Zelle erhängt aufgefunden wurde, war es für dich eine Selbstverständlichkeit, Mitglied der internationalen Untersuchungskommission zu werden. Mit deinen BüchernInternment und Guineapigs warst du zur Autorität in Sachen Knast und Folterexperimenten an Gefangenen in der Isolation geworden. Wir wissen, dass sich die politische Klasse bei der Errichtung der modernen Zitadellen der Macht in der Bundesrepublik Deutschland der Ergebnisse der britischen Folterforschung, die du angeprangert hast, bedient hat. Heute versieht eine tageszeitung das Wort Isolationshaft mit Gänsefüßchen. Du hingegen wurdest nie müde, die Freilassung der Gefangenen aus der Roten Armee Fraktion zu fordern. Und noch als du schon erkrankt warst, kamst du nach Berlin, um als Beobachter am RZ-Prozeß teilzunehmen.

Als wir im März 1980 zusammen von der Royal Ulster Constabulary in das berüchtigte Verhörzentrum Castlereagh verbracht wurden, wo uns allerlei haltlose Vorhaltungen gemacht wurden, wußten wir voneinander, dass des anderen Mantra »Whatever you say, say nothing« sein würde, wenn die Herren (die jetzt unter einem neuen Namen operieren) auch drohten, sie könnten uns auch einer loyalistischen Todesschwadron übergeben und eliminieren lassen.

Kurz vor unserer Festnahme in Belfast hattest du Manuskripte unter deiner klapprigen Schreibmaschine verschwinden lassen. Es waren deine ersten Kurzgeschichten, die später unter dem Titel Bomben, Bullen, Bars bei Edition Nautilus erschienen. Bullen durftest du in deinem Leben zur Genüge kennen lernen, in Bars waren wir oft genug zusammen, und von Bomben wolltest du auch in deinen Memoiren eines intellektuellen Hooligans berichten. Das Kapitel sollte die Überschrift tragen: »Little boxes/timers. Bombenbau in Belfast.« Vor ein paar Tagen haben wir darüber noch gesprochen. Und auch über die anderen Gefallen, die du hin und wieder der Provisional IRA getan hast. Darüber etwa, wie gerne du ihr 'Brigadier' warst. [Für diejenigen, die es nicht wissen (dir war ja bewußt, wie es um das historische Wissen der 'Hunnen'steht): Unter dem Pseudonym 'The Brigadier'schrieb McGuffin von 1974 bis 1981 eine wöchentliche Kolumne für An Phoblacht/Republican News, die Wochenzeitung der Provos.]

Zuletzt warst du zutiefst enttäuscht über deine Ex-Genossen, weil dir bewußt war, dass die Friedenspolitik der Provos nicht auf eine sozialistische Republik Irland gerichtet ist, nicht auf Befreiung abzielt. Deren autoritäres Gehabe war dir, dem alten Anarchisten, der schon während der Bürgerrechtsbewegung die schwarz-rote Fahne schleppte, ein Gräuel. Sie haben dir nicht mal den Gefallen getan, deinen Roman Der Hund zu veröffentlichen. Dabei wird es nie wieder ein Buch geben, dass ihren Kampf so meisterlich und solidarisch würdigt. »The I** wins«, hattest du mir einst aus den USA geschrieben, als ich wissen wollte, worum es in dem Buch geht. Mit der political correctness ihres sich ankündigenden Friedensprozesses war der Inhalt deines Buches aber offenbar dennoch nicht kompatibel. Dein opus magnum, Der fette Bastard, sagte ihnen ebenso wenig zu wie deine im letzten Jahr in Derry veröffentlichten Kurzgeschichten. Last orders, please! war ihnen nicht mal eine Besprechung in ihrer Hauspostille wert. Divil a bit of thanks.

Vor zwei Wochen konnten wir zusammen noch einen Sonntag lang an deinem Buch über den aus Derry stammenden Abenteurer Charles 'Nomad' McGuinness arbeiten, dessen Fertigstellung du ungeduldig entgegen fiebertest. Es wird gedruckt werden, Sean, dafür wird Christiane sorgen, dessen kannst du dir absolut sicher sein, das weißt du. Und auch eine deutsche Übersetzung wird es geben. Versprochen. Dabei wird mir allerdings die Korrespondenz über Übersetzungsprobleme sehr fehlen. Deine freundschaftlichen Bemerkungen à la "Kid, little do ya know..."

Und wer bitte wird jetzt die Dispatches schreiben, die du übers Netz verbreitet hast? Die, wie Anne dir nach dem Bild-Text-Dispatch über die Festnahme, Fesselung, Entkleidung und Hinrichtung des 23jährigen Palästinensers Mohammed Saleh durch Soldaten Scharons schrieb, der Freiheit des Wortes wegen so notwendig waren.

Für morgen hattest du einen Flug nach Berlin gebucht. Ich wollte dich am Flughafen abholen und dir verraten, dass wir für Dienstagabend im Kaffee Burger eine Party zu deinem 60. Geburtstag organisiert haben, samt Lesung und Musik. Wir werden lesen und Musik spielen, auch Songs deiner Freunde von The People of No Property, klar doch. Und auf dich anstoßen, O/C. Ein wenig vom kleinen Kraut werden die Krauts wohl auch auftreiben können. Don't worry, Lumberjacks will always rule okay!

Go to sleep, my weary friend, let the times go drifting by, can't you hear the bazookas humming, sure it's yer man's lullaby (he in the derelict house)...

Slán, yer old chum
Jürgen
28.April 2002


Der fette Bastard ist tot

Ich verdanke ihm den Spitznamen, unter dem man mich in Belfast kennt. Nachdem ich John McGuffin 1976 in der nordirischen Hauptstadt kennengelernt hatte, besiegte ich ihn mehrmals im Scrabble, wobei es dreifache Punkte für schmutzige Worte gab. Fortan nannte er mich "The Clever Hun", der kluge Hunne. Später vergeigte ich den Titel, als ich drei Polizisten versehentlich den gestreckten Mittelfinger zeigte, weil sie uns auf dem Weg ins Wirtshaus durch ihre langsame Fahrweise aufhielten, während die Zapfhähne zu versiegen drohten. Einer der Beamten sagte zu mir: "Hast du ein Glück, dass wir unsere Uniformen anhaben, sonst würden wir dich jetzt verprügeln." Ich wollte gerade einwenden, dass sie sich dadurch doch noch nie davon abhalten ließen, als ich McGuffins Blick sah: Sag es nicht, drückte er aus, sonst können wir den Pub vergessen.

Die Mittwochabende im "Cobweb Castle", seinem Haus in Belfast, waren legendär. Es war der Treffpunkt für die Lumberjacks, einer "schattenhaften Widerstandsgruppe", wie McGuffin in seinem Buch "Last Orders" weismachen will. In Wirklichkeit war es eine Vereinigung von Suffpatrioten. McGuffin arbeitete damals als Dozent an einem Belfaster College, doch im Alter von 35 Jahren wurde er aufgrund einer mysteriösen Krankheit zum Frührentner erklärt. Anfang der achtziger Jahre wanderte er, wie so viele Iren, in die USA aus, wo er 19 Jahre lang in einem Haus mit Blick auf "Frisco Bay" lebte und eine Anwaltskanzlei betrieb.

Danach kehrte er nach Derry im Nordwesten Nordirlands zurück und widmete sich wieder voll der Schriftstellerei. Schon 1973 hatte er, nachdem er von der britischen Armee interniert worden war, ein Buch über die Internierungspolitik ("Internment", 1973) geschrieben, ein Jahr später folgte ein Werk über die Foltermethoden der britischen Armee ("The Guineapigs", 1974). Vier Jahre später wurde bei seinem dritten Buch klar, in welche Richtung sein wahres Interesse ging: Das Buch handelt von schwarzgebranntem irischem Whiskey ("In Praise of Poteen", 1978).

Freilich ließ er es nicht bei der Theorie bewenden. In den siebziger Jahren kam ich einmal in den zweifelhaften Genuss seines hausgemachten Brennesselweins. Er war ungenießbar. Um ihn nicht in den Ausguss kippen zu müssen, destillierte McGuffin die trübe Brühe und verwandelte sie in Brennesselschnaps. Das Ergebnis war verheerend. Der potente Tropfen verursachte bei allen Versuchskaninchen Magenkrämpfe und Durchfall. McGuffin lagerte die Flaschen in einer Abstellkammer, wo sie blieben, bis die Drogenfahndung mal wieder im "Cobweb Castle" vorbeischaute. Zwar fanden die Beamten das Marihuana nicht, das unter dem Sattel des töchterlichen Schaukelpferdes versteckt war, aber sie stießen auf die Flaschen in der Abstellkammer. "Bedienen Sie sich, meine Herren", ermunterte McGuffin die Drogenfahnder großzügig. Es war die kürzeste Hausdurchsuchung, die "Cobweb Castle" je erlebt hatte.

In jenen Jahren schrieb McGuffin eine Reihe von Kurzgeschichten, die in der Übersetzung von Jürgen Schneider in zwei Sammelbänden in der Edition Nautilus auf deutsch erschienen sind. Darin ging es unter anderem um den trickreichen Kampf des "Spiderman" um eine erneute Krankschreibung, um zwei misslungene Banküberfälle, um einen bekifften Hochzeitsgast und um einen zu allem entschlossenen IRA-Kämpfer. Außerdem verrät McGuffin, was geschieht, wenn ein largactylisches Raumschiff auf der Suche nach frischem Stickstoff im Moor der Grafschaft Fermanagh landet.

Seine Erzählungen, man hält es kaum für möglich, haben alle einen wahren Kern, wenn der Autor auch bei der Dramaturgie des öfteren nachgeholfen hat. Viele seiner Freunde und Bekannten finden sich in den Stories wieder. Aus den USA schickte er zwei Buchmanuskripte an seinen deutschen Verlag. "Der Hund" ist ein turbulentes Werk, in dem es von Kamikaze-Aktionen, Meucheleien, perfiden britischen Agenten und aufrechten Revolutionären nur so wimmelt. "Der fette Bastard" ist eine Art Autobiographie, in der allerdings McGuffins vier gespaltene Persönlichkeiten zu Wort kommen, was ziemlich vergnüglich zu lesen ist, wenn man zuvor Drogen eingenommen hat. Kein englischsprachiger Verlag wollte die Bücher drucken, was den Chefredakteur einer deutschen Wochenzeitung zu der Vermutung veranlasste, dass McGuffin eine Fiktion war. Schließlich hatte Alfred Hitchcock den Begriff "McGuffin" für etwas verwendet, das es eigentlich gar nicht gibt.

Aber es gab ihn sehr wohl, mein Belfaster Apotheker, der mich stets mit Tabletten gegen den "Hangover" versorgte, ist mein Zeuge. Aber ich habe an McGuffin bewundert, dass er nach einer durchzechten Nacht frühmorgens immer in seinem Büro saß und mehrere intelligente Texte schrieb. McGuffin bezeichnete sich selbst als "Republikaner, Anarchist, intellektueller Hooligan und Schriftsteller" - und eben als "fetter Bastard". Er war bei jeder Runde dabei, die auf die IRA ausgegeben wurde, was ihm eine beträchtliche Leibesfülle einbrachte.

Die Bürgerrechtlerin Bernadette Devlin McAliskey hatte in ihren Anfang der siebziger Jahre erschienenen Memoiren berichtet, wie McGuffin zum legendären Bürgerrechtsmarsch von Belfast nach Derry 1969 mit einer gigantischen Anarchisten-Fahne anrückte: "Die anarchistische Fahne war lustig - ein riesengroßes Banner in Rot und Schwarz. Allerdings war nur ein einziger Anarchist unter uns: der dicke, fette John McGuffin, der fast so breit war wie das Banner, das er unbedingt tragen wollte." Nach ein paar hundert Metern machte er jedoch schlapp, stieg in den Lautsprecherwagen und ging als einziger Revolutionär in die Geschichte ein, der einen Langen Marsch nahezu komplett im Sitzen zurückgelegt hatte.

McGuffin war vier Mal verheiratet, das letzte Mal nur wenige Tage. Vorige Woche hat er seine langjährige Freundin Christiane Kühn geheiratet. Vorgestern ist er gestorben. Heute wäre er 60 Jahre alt geworden. Im Kaffe Burger in Berlin findet heute abend eine Veranstaltung statt, auf der sein Leben gefeiert wird.

Ralf Sotscheck
(taz)


Irischer Autor McGuffin kurz vor seinem 60.Geburtstag gestorben

30-04-2002
Berlin/Hamburg (APA/dpa) - Der irische Schriftsteller Sean McGuffin ist am Sonntag zwei Tage vor seinem 60. Geburtstag in Derry gestorben. Das teilten sein Hamburger Verlag Edition Nautilus und die Berliner Zeitschrift "telegraph" am Montag mit.

Für Dienstag wäre McGuffin zu einer Geburtstagsfeier in Berlin eingeladen gewesen, die nun als "Feier auf sein Leben" mit zahlreichen Freunden und Kollegen stattfinden soll, wie die Edition Nautilus betonte.

Der in Belfast geborene McGuffin bezeichnete sich selbst als "Republikaner, Anarchist, intellektueller Rowdy und Schriftsteller". Als Ulrike Meinhof 1976 in ihrer Haftzelle erhängt aufgefunden wurde, wurde er Mitglied der internationalen Untersuchungskommission. McGuffin war Mitglied der Peoples Democracy, einer studentischen Bürgerrechtsorganisation und begann zu schreiben, als er 1971 von der britischen Armee interniert wurde. In seinen ersten beiden Büchern "Internment" (1973) und "Guineapigs" (1974) stellt er die Geschichte dieser Internierung dar.

Sein 1990 bei Nautilus erschienenes Buch "Der Hund" wurde bisher von keinem britischen Verlag veröffentlicht, betonte Nautilus. Anfang der 80er Jahre emigrierte McGuffin für einige Jahre in die USA. Über diese Zeit veröffentlichte er den Roman "Der fette Bastard" (1997 bei Nautilus). "Last Orders. Neue Geschichten" erschien im Herbst 2001. McGuffins Roman über den aus Derry stammenden Abenteurer Charles Nomad McGuinness werde postum herauskommen, kündigte die Edition Nautilus an.

 

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